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Christian Heynen mit Sebastian Stachorra vor einer Werbewand für den Film »Wer ist Thomas Müller«

In der Kino-Dokumentation »Wer ist Thomas Müller?« befragt Regisseur Christian Heynen rund ein Dutzend »Durchschschnittsdeutsche« danach, was für sie typisch Deutsch ist. Was kann der Zuschauer von ihren Antworten lernen?

Der Deutsche heißt Thomas Müller. Das zumindest sagen die Daten des Bundesamts für Statistik. Weil Statistiken nur Zahlen zeigen, nicht aber Menschen, besucht Regisseur Christian Heynen in seiner Dokumentation »Wer ist Thomas Müller?« diesen Durchschnittsdeutschen zu Hause. Es gibt ihn tausende Male in Deutschland, aber »Jeder Thomas Müller, den ich besuche, ist anders, nicht der statistische Durchschnitt.«

Im Film werden über ein Dutzend dieser Männer gezeigt – und einmal auch seine Frau und sein Sohn.
Gesprochen wird über die wichtigen Themen des Lebens, gleich zu Beginn mit Börsenanalyst Thomas Müller über Geld. Eigentlich spreche der Deutsche nämlich nicht gerne über seinen Kontostand und das bedauert Müller, der Deutschland eine »Neidgesellschaft« attestiert.

Heynen spricht mit seinen Interviewpartnern darüber wie der Deutsche lacht, wie er auf die Gretchenfrage »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« antwortet (nämlich mit Kirchenaustritten) und darüber, ob er seinen Soldaten genügend Anerkennung zollt (der Soldat in Afghanistan findet, dass er das nicht tut).

»Es ging ja darum im Allgemeinen das Einzelne zu finden«, sagt Heynen und dass er sich wie Forrest Gump fühlte. »Der Name Thomas Müller ist meine Pralinenschachtel gewesen und ich habe nie wirklich gewusst, was ich bekomme, wenn ich irgendwo an die Türklingel gedrückt habe.«

Und so lässt er die Aussagen der Interviewten unkommentiert, nutzt ihre Aussagen aber als Aufhänger für Überleitungen zum nächsten Thema.
Dazu zeigt der Film immer wieder Landschaftsaufnahmen und nennt einige Fakten aus der Statistik. Danach ist der Durchschnittsdeutsche leicht übergewichtig, lacht weniger als noch vor 1970 und glaubt an die große Liebe.

»Deutsch sein« ist manchmal ganz schön spießig

Insgesamt ist der Film als Collage angelegt, die mal nachdenklich, mal amüsant wirken soll. Heynen: »Ich glaube was es nicht braucht, ist ein weiterer Film, der schwermütig diesem Thema nachgeht.«
Seine Komik erhält der Film durch seine Machart. Das zeigt sich auch während der Vorab- Vorführung in Köln, bei der viele der Protagonisten des Films anwesend waren. Das Publikum lacht, als im Film aus dem Sonntagstisch der Familie Müller herausgezoomt wird und umkommentiert eine riesige Eierbechersammlung an der Wand zeigt. Das gleiche Publikum zeigt auch selbst, was typisch Deutsch ist. Nämlich genervt stöhnen, wenn wiederholt eine Flasche im Kinosaal umfällt.

An einer Stelle wird das Nachdenken der Leute im Saal fast greifbar. Als die Statistik im Film aussagt, dass rund zehn Prozent der Deutschen sich wieder einen Führer wünschen, sind ungläubig überraschte »Oh’s« zu hören.1

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Regisseur Christian Heynen Portraitfoto

Regisseur Christian Heynen

Der Film stellt dem Zuschauer schließlich selbst die Frage »Was ist für Dich typisch Deutsch?«
»Ich glaube, dass jeder individuell seine eigene Antwort auf die Frage geben muss und finden muss … wenn er es möchte.« sagt Heynen.

Der Film soll diese Debatte anstoßen. Bereits während Heynens Recherche konnten auf die Website www.wer-ist-thomas-mueller.de User Videobeiträge hochladen und diese Frage beantworten. Einige dieser Clips finden sich auch im Film wieder. So findet beispielsweise jemand, dass es typisch Deutsch sei, nachts an einer roten Ampel stehen zu bleiben – auch wenn sonst niemand auf den Straßen sei. Die Website soll den Zuschauern des Films auch weiterhin als Plattform für diese Diskussion dienen.

Typisch Deutsch oder typisch Mann?

Es scheint dennoch so, als frage der Film zwar danach, was typisch Deutsch sei, beantworte aber die Frage danach, wie der deutsche Durchschnittsmann lebt. Gezeigt werden Männer im mittleren Alter, die man intuitiv der Mittelschicht zuordnet. Der Film zeigt gut eingerichtete Wohnungen und Häuser und idyllische Landschaften. Einmal ist kurz auch ein tristes Mehrfamilienwohnhaus zu sehen – weil einer der Protagonisten dort Hausmeister ist. Die Statistiken scheinen sich mal auf alle Deutschen, dann wieder nur auf die Männer zu beziehen. Dabei sagt die Statistik auch, dass in Deutschland fast zwei Millionen mehr Frauen als Männer leben – dennoch heißt der Film nicht »Wer ist Sabine Müller?«.

Heynen sagt dazu, der Name »Thomas Müller« im Filmtitel ließe sich gut verkaufen, weil jeder damit sofort den Fußballer verbinde. Man habe auch überlegt Familie Müller zu portraitieren, aber das wäre aufgrund der vielen Protagonisten schnell diffus geworden. Und schließlich hätte man innerhalb derer, die sich zurückmeldeten, eine Auswahl treffen müssen. Der Film kann nicht alle Deutschen zeigen, beispielsweise »weil es schwer war, mit einem Hartz 4ler vor der Kamera über seine Situation zu sprechen.« Schließlich musste Heynen auch eine sinnvolle dramaturgische Reihenfolge finden.

Der Zuschauer muss selbst entscheiden, ob er diese Auswahl für aussagekräftig hält. Wer in den Zahlen und Interviews eine verbindliche Aussage über das Deutsch-Sein sucht, der wird nicht fündig. Alle anderen finden Stoff zum Schmunzeln. Und den ein oder anderen Denkanstoss.

Die Dokumentation »Wer ist Thomas Müller?« läuft seit dem 20.03.2014 im Kino.

Für die besonders Neugierigen unter Euch gibt es das komplette Interview mit Christian Heynen auch zum herunterladen.

Fußnoten
1 http://library.fes.de/pdf-files/do/07504-20120321.pdf, S.140: »2010 wünscht sich in Deutschland gut jede/r Vierte eine starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert, mehr als jede/r Zehnte einen Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit harterHand regiert. Und etwa jede/r Zehnte hält eine Diktatur für die bessere Staatsform

Über 

Sebastian Stachorra (23) studiert in Münster Philosophie und Ökonomik.
Für die Jugendpresse Rheinland rezensiert er gerne Veranstaltungen.

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